Inhaltsangabe Der stumme Zwang

Anna, eine junge Frau, liegt mit ihrem Freund im Bett. Das Meer rauscht, der Plattenspieler läuft leer, Urlaubsfotos, die vom Glück der beiden zeugen, liegen auf dem Boden verstreut. Ein schrilles Klingeln zerreißt die friedliche Idylle. Für einen Moment scheint es, als würde sich ihr Freund erheben, aber schließlich ist es Anna, die sich aufrafft, zur Wohnungstür schlurft und den ungebetenen Gästen öffnet. Es handelt sich um zwei streng gekleidete, schon etwas ältere Frauen, die sie unbewegt mustern. Plötzlich geht das Licht aus. Kühl bemerken die beiden Frauen, es sei schon 5 Uhr, und dringen an der verdutzten Anna vorbei im Dunkeln in die Wohnung ein. Die eine von ihnen, die Erste Frau, dreht eine Glühbirne in die Fassung. Ein fahles Licht flackert auf. Der Blick der Ersten Frau fällt auf einen Koffer. „Sie wollen verreisen?“ fragt sie kühl, während ihre Kollegin schon dabei ist, das leere Gepäckstück zu inspizieren. Anna kämpft noch gegen den Schlaf. Wer sind die Eindringlinge? Sie kann es sich nicht erklären. Und doch ist es kein Traum, die beiden Frauen sind sehr real, schon machen sie sich am Bücherregal zu schaffen. Wie um ein Beweisstück zu sichern, reißt die Zweite Frau eine Seite aus einem Roman. „Du liest zuviel“, bemerkt sie trocken. Und dann steht noch eine Person im Wohnungsflur, obwohl wir sie gar nicht haben eintreten sehen! Es handelt sich um den Protokollanten, einen beleibten, unmäßig schwitzenden Mann, der beflissen Notizen in ein kleines Büchlein kritzelt. Anna versucht die Situation zu retten; verwirrt entscheidet sie sich, erst einmal einen Kaffee aufzusetzen, was die beiden Frauen erfreut zur Kenntnis nehmen. In der Küche scheint das Geschehen zum Stillstand gekommen zu sein. Anna sitzt am Küchentisch und sinniert, scharf beobachtet von der Ersten Frau, die nur von ihr abläßt, um die Seiten des Protokolls abzuzeichnen, das der Protokollant in seine Schreibmaschine tippt. Die Zweite Frau tut sich derweil an den Lebensmitteln gütlich, die sie aus dem Kühlschrank holt und anbricht, als wolle sie sie unbrauchbar machen. Dann gibt sich Anna einen Ruck: sie beginnt, einen Traum zu erzählen, gespannt verfolgt von der Ersten Frau. Doch irgendwie verheddert sie sich, der Traum ist ohne jede Bedeutung, am Ende läuft er ins Leere, versickert gewissermaßen. Die Erste Frau sackt enttäuscht zusammen. Die Zweite Frau lächelt höhnisch. Sie hat schon immer gesagt, es lohne sich nicht, Annas Ausflüchten zuzuhören. „ 5 Uhr 17.“ sagt sie, jedes Wort auskostend. Die Erste Frau setzt die Maschinerie in Gang.. „Nun mal flott, Mädchen, an die Arbeit“, herrscht sie Anna an, und ohrfeigt sie. Dann zerstören die beiden Frauen ihre Lebensmittel, die Teller, leeren den Kühlschrank. Anna ist zunächst unbeeindruckt. Warum soll sie arbeiten? Sie hat doch alles! Ihr Kühlschrank füllt sich jedenfalls stets von allein. Bisher war es jedenfalls so. - Doch nun ist er leer. „Aber was soll ich denn jetzt essen?“ fragt sie. Die beiden Frauen bieten ihr eine Stulle an. „Danke“, sagt Anna und beißt hinein. Nun sitzt sie in der Falle. „Eins Fünfzig“ sagt die erste Frau. Anna, die nicht weiß, was das bedeuten soll, wiederholt die Zahlen. Eins. Fünfzig. Seltsam. Doch dann begreift sie: „Aber wie soll ich?“ Nun lachen die beiden Frauen, Anna stimmt ins Gelächter ein. Dann fällt der Ersten Frau das Lachen aus dem Gesicht. Es ist 5 Uhr 35. Die Zweite Frau drückt die Stulle brutal in Annas Gesicht, schlägt ihr mit der Faust in den Magen und befördert sie per Kopfnuß in den Flur. Im Flur berappelt sich Anna, rückt ihr Kostüm zurecht. Sie ist fertig angezogen. Ihr Freund erscheint an der Türschwelle. Er will Anna an sich ziehen, aber sie macht sich los, sie käme sonst zu spät, sagt sie, und verschwindet im Treppenhaus. Der Freund blickt nachdenklich. Irgendwas hat er nicht verstanden. Er fragt: „Zu spät wohin?“

Dann sehen wir Bilder eines beginnenden Arbeitstages. Arbeiter betreten ein Fabrikgelände, Rollläden werden hochgezogen, Bagger bestiegen usw. Und schon sind wir mitten im Arbeitsalltag. Laufbänder laufen, Maschinen rattern und fauchen. Eine Frauenstimme ist zu hören. Sie spricht einen Text von Karl Marx, aus dem Kapital, und vielleicht begreifen wir jetzt, daß der stumme Zwang, der die Menschen zur Arbeit treibt, keine Naturgewalt ist, sondern Produkt menschlicher Geschichte und menschlichen Handelns. Und damit – wer weiß? - vielleicht auch eines Tages abzuschaffen.

zurück