Lemmy Caution

Ermittlungen gegen die Wirklichkeit

Ausführliche Inhaltsangabe

Geheimagent Lemmy Caution kommt in einer seltsamen Gegenwart, in der die 40er, die 60erJahre und die Jetztzeit aufs Absurde zusammenschießen, nach Berlin, um Ermittlungen gegen die kapitalistische Wirklichkeit aufzunehmen. Im Auftrag einer eigentümlichen Assoziation antifaschistischer Staaten, die von den USA über Frankreich und die Sowjetunion nach Kuba und Israel reicht, soll er herausfinden, warum die Menschen an Verhältnissen kleben, die für die meisten von ihnen nur Leid, Elend und Not bereithalten. Am Flughafen Tempelhof wird er bereits von den Agenten der deutschen Abwehr erwartet. Nur knapp entgeht er hier einem Bombenattentat, das die Zeitungen des offenkundig totalitären Staates bereits in ihren Morgenausgaben gemeldet (und ihm in die Schuhe geschoben) haben. Durch einen einfachen Trick gelingt es Lemmy, die ihn verfolgenden feindlichen Agenten abzuhängen. In einem Café, der „Kirschtortenbar am Rande des Hermann-Göring-Parks“, trifft er sich mit seiner Kontaktperson, der klugen, schönen und geheimnisvollen Doppelspionin Svobodnaja Ljubova (russisch: ‚Freie Liebe‘), die ihn sofort in seinen Bann zieht. Von ihrem Aussehen völlig verzaubert, hat er kein Ohr für die wertvollen Informationen, die sie ihm im Hinblick auf seinen Auftrag gibt. Zu spät bemerkt er, daß er von einem abgeschüttelt geglaubten deutschen Agenten beobachtet wird, der am Nebentisch ein Buch verspeist. Über die doppelte Unaufmerksamkeit ihres Kollegen enttäuscht, verläßt Svobodnaja abrupt das Café. Lemmy besteigt ein Taxi und fährt in sein Hotel, dem „Excelsior“. Dabei passiert er eine Allee, in der in einer langen Reihe zahllose Erhängte an den Straßenlaternen baumeln. In seinem Hotelzimmer wird Lemmy von einem weiteren Agenten der deutschen Abwehr überfallen, der „ihm eine Warnung erteilen“ soll. Doch Lemmy dreht den Spieß um: er überwältigt den feindlichen Agenten und preßt den Namen seines Auftraggebers heraus: Müller-Goebbels, Chef der deutschen Abwehr. Außerdem findet er die Visitenkarte eines Signor Bertotti, Import/ Export. Da die feindlichen Agenten offenbar über sein Kommen bestens informiert sind, wechselt Lemmy rasch den Schlafplatz und zieht in das Zimmer um, das zuvor der deutsche Agent bewohnte. Diese Vorsichtsmaßnahme rettet ihm das Leben; als er am nächsten Morgen erwacht, werden die beiden Gäste, die die Schlüssel zu dem ursprünglichen Zimmer Lemmys erhielten, erschossen aufgefunden.

Lemmy setzt sich auf die Spur des ominösen Signor Bertotti und findet im Rahmen der „üblichen Ermittlungen“ - zu denen Telefonate, wilde Schießereien, Verfolgungsjagden, das Ohrfeigen eines Pfarrers, die Verführung junger Mädchen und sogar eine Begegnung mit der deutschen Fußballnationalmannschaft zählen – dessen Adresse heraus. Nach einem langen Tag kehrt er ins Hotel zurück. Hier hat Svobodnaja ein Päckchen mit wichtigen Büchern für ihn abgegeben. Als sie ihn anruft, um sich nach den Ergebnissen seiner Lektüre zu erkundigen, und er ihr stattdessen von seinen Recherchen in bezug auf Signor Bertotti erzählt hat, legt sie - erneut verärgert – auf; zuvor erteilt sie ihm die Warnung, sich doch auf seinen eigentlichen Auftrag zu konzentrieren und nicht dem dafür irrelevanten Signor Bertotti hinterzuspionieren (Hintergrund: Svobodnaja hat sich als Geliebte Müller-Goebbels, der sich hinter der Maske des Signor Bertottis verbirgt, in die deutsche Abwehr eingeschlichen und fürchtet nun, durch die Aktionen des übereifrigen Lemmys enttarnt zu werden, der die philosophisch- theoretischen Dimension seines Auftrags nicht erkennt, sondern – in typischer Manier des klassischen Agenten – das Zentrum sucht, von dem aus alles gesteuert wird). Während des Telefonats erschießt Lemmy lässig den Agenten, der ihm im Café beobachtet hatte, und der ihn – nachdem er den Irrtum mit den Zimmernummern bemerkt hat - nun endgültig erledigen soll. Mehr zu schaffen macht ihm aber der unerwartete Verlauf des Gesprächs mit Svobodnaja: „Es ist immer so. Man versteht nie etwas. Eines Abends endet es damit, daß man daran stirbt.“

Ihre Warnungen allerdings schlägt er in den Wind. Wie angekündigt sucht er am nächsten Tag die Villa Bertottis auf. Dort wird er von dem vermeintlichen Signor Bertotti (tatsächlich handelt es sich um Müller-Goebbels, wie Lemmy, der sich als „Marlowe“ ausgibt, rasch kombiniert) herzlich empfangen und in das Schlafzimmer seiner Frau Antonia geführt, die ihm sofort Avancen macht. Wütend verläßt Müller-Goebbels den Raum. Bevor sie sich ins Bad zurückzieht, teilt die Signora Lemmy mit, sie habe ihm „etwas Wichtiges zu sagen“. Lemmy nutzt ihre Abwesenheit und durchsucht das Zimmer. Unter dem Kopfkissen finden er einen geheimnisvollen Umschlag. Bevor er ihnen öffnen kann, wird er durch ein unvermittelt aus dem Bett auftauchendes Mädchen abgelenkt, und bei dem Versuch, dieses zu küssen, von dem Butler gestört, der ihn mit einer Pistole bedroht. Lemmy entwindet ihm die Waffe und geht zum Badezimmer, das aber – obwohl es keinen zweiten Ausgang hat – rätselhafterweise leer ist: Signora Bertotti ist verschwunden. Auf dem Balkon findet er sie – mit ihrem Gatten am Frühstückstisch vereint – wieder. Doch ihr Todesurteil ist längst gesprochen; Müller-Goebbels ist nicht der Mann, der sich öffentlich brüskieren läßt. In seinem Arbeitszimmer versucht er, Lemmy mit Geld, Beleidigungen und Drohungen zum Überlaufen zu bewegen, dabei steigert er sich in eine antisemitische Tirade hinein. Lemmy läßt ihn erst abblitzen und anschließend stehen; statt jedoch das Haus zu verlassen, erinnert er sich des zweideutigen Angebots der Signora und steigt erneut ins Schlafzimmer im ersten Stock. Diesmal allerdings ist es wirklich leer. Dafür hört er im daneben gelegenen Badezimmer ein Geräusch; doch es ist nicht etwa die Signora, sondern Svobodnaja, die offenkundig deren Platz eingenommen hat. Lemmy ist irritiert und läßt sich von Svobodnaja – die sich, um ihre eigene Position in der Organisation Müller-Goebbels‘ nicht zu gefährden, auf dessen Seite schlägt - überrumpeln und die Waffe entwinden. Außerdem nimmt Müller-Goebbels bei dieser Gelegenheit den geheimnisvollen Umschlag an sich, der, wie er sibyllinisch bemerkt, allerdings von größerem Interesse für Svobodnaja wäre. Beim Versuch, die Pistole zurückzuerobern, wird Lemmy niedergeschlagen. Als er nach Stunden erwacht, beobachtet er nicht nur eine der alltäglichen Hinrichtungen im Garten, sondern findet – neben der Leiche des Butlers – auch noch Müller-Goebbels vor, der seinen Triumph genüßlich inszeniert. Zum zweiten Mal bricht Lemmy zusammen.

Im Wohnzimmer erwacht er wieder, diesmal von Svobodnaja umsorgt. Müller-Goebbels, der sich als Sieger im Zweikampf der beiden Männer fühlt, weist Svobodnaja an, Lemmy einen todbringenden letzten Drink zu mixen. Scheinbar geht sie darauf ein; tatsächlich aber mischt sie das Gift in die Milch des Chefs der deutschen Abwehr. Nach dessen Tod nimmt Lemmy den Umschlag wieder an sich und schießt sich – mit Svobodnaja zu einem Paar vereint - den Weg aus der Villa frei.

Doch über dem Liebesglück der beiden liegt ein Schatten. Als Lemmy zu einem konspirativen Treffen mit Prof. Backhaus-Reichelt, einem Wissenschaftler, der die Lösung für Lemmys Rätsel zu wissen verspricht, den städtischen Park aufsucht, verliebt er sich Hals über Kopf in ein Mädchen, das „in einer Geste voller Anmut und Sinnlichkeit“ einen Kinderwagen in den Teich schiebt – und vergißt darüber seinen Auftrag. In seiner Abwesenheit öffnet Svobodnaja den Umschlag, den sie zuvor aus Lemmys Mantel gefischt hat: Er enthält ein Foto, auf dem Lemmy exakt dieses Mädchen küßt. Als Svobodnaja aus einem eifersüchtigen Impuls heraus in den Park hastet und durch ein Fernrohr schaut, erblickt sie genau diese Szenerie. Sich ihrer eigenen Eifersucht gewahr werdend – und der Unfreiheit, die sie impliziert -, erschießt Svobodnaja Lemmy, um sich „ihre Freiheit zu bewahren“. Durch die Kugel Svobodnajas aus seinem privaten Kosmos gerissen, durchzuckt Lemmy schlagartig die Erkenntnis, und er vermag das Rätsel zu lösen: Sterbend sinniert er über seinen Grundirrtum, eine mächtige, alles steuernde Organisation dort erwartet zu haben, wo überpersönliche Verhältnisse walten.

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